Sinn der Arbeit: Setzen Sie die richtigen Prioritäten?

Ist Ihre Arbeit sinnvoll? Die meisten Arbeitnehmer werden das bejahen. Doch kennen Sie auch den Sinn der Arbeit für Sie ganz persönlich? Die Antwort auf diese, scheinbar ähnliche, Frage ist deutlich schwerer. Sie geht weit über die Bedeutung Ihrer Aufgaben im Unternehmen hinaus und dreht sich um einen viel wichtigeren Aspekt: Die Rolle der Arbeit in Ihrem Leben und für Ihre Identität. Klingt bedeutungsschwer und vielleicht auch übertrieben, ist jedoch enorm wichtig. Denn nur wenn Sie den Sinn der Arbeit für sich kennen und einordnen können, können Sie auch die individuell richtigen Prioritäten setzen und Ihr Leben passend zu Ihren Bedürfnissen und Werten gestalten...  

Arbeit ist Teil der (sozialen) Identität 

Wer Arbeit als reinen Broterwerb sieht und ihr darüber hinaus keinerlei Bedeutung beimisst, macht sich vermutlich etwas vor. Was hart klingt hat einen einfachen Grund: In Deutschland - und natürlich auch anderen Ländern - ist Arbeit ein wichtiger Faktor für den sozialen Status, das Ansehen und schlussendlich auch das Selbstbild einer Person. Ungeachtet der Diskussion um neue Arbeitsformen, alternativen Modellen wie bedingungslosem Grundeinkommen und ähnlichen Themen, spielt Arbeit im Alltag nach wie vor eine grosse Rolle. 

Philosophische Diskussionen sind zwar wichtig, doch sie ändern die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit nur sehr langsam. Für die Wahrnehmung des Einzelnen spielen sie kaum eine Rolle. Arbeit ist identitätsstiftend und prägt - meist stärker als dem Einzelnen lieb ist - das Selbst- und Fremdbild. Das lässt sich an einigen Aspekten festmachen: 

 

  • Gespräche beginnen oft mit der Frage: "Und was machen Sie so?" In 99,9 Prozent der Fälle ist damit der Beruf des Gesprächspartners gemeint. 
  • Wenn Menschen sich vorstellen, beginnen sie meist mit dem erlernten Beruf und/oder dem aktuellen Job. 
  • Arbeitslosigkeit wird in vielen gesellschaftlichen Bereichen (leider) immer noch als Stigma gesehen und kann sich negativ auf die Reputation auswirken. 
  • Der Verlust des Jobs führt bei vielen Menschen zu schweren Zweifeln, Sinnkrisen oder schlimmeren Auswirkungen. 
  • Oft identifizieren sich Menschen mit ihrem Beruf und sind stolz auf ihre Fähigkeiten und ihr Können. 

 

Arbeit ist - zumindest in der aktuellen Gesellschaftsstruktur - extrem wichtig. Daher ist sinnvoll, diese Bedeutung nicht nur zu akzeptieren, sondern sich bewusst mit ihr zu befassen und zu klären, welchen Sinn die Arbeit ganz individuell hat. 

Sinn der Arbeit: Was ist für Sie wichtig? 

Der Sinn der Arbeit kann dabei von zahlreichen individuellen Faktoren abhängen. Manche Menschen achten besonders auf ihre hierarchische Position und den damit verbundenen Titel. Sie legen in erster Linie Wert auf die soziale Anerkennung und den damit einhergehenden Status. Anderen geht es primär um die Auswirkungen, die ihre Arbeit hat. Sie sehen den Sinn der Arbeit darin, an bedeutungsvollen Projekten mitzuarbeiten, anderen Menschen zu helfen und/oder Rahmenbedingungen zu verändern. 

Wieder andere fokussieren sich auf einen möglichst hohen Verdienst und achten nicht nur auf den sozialen Status, sondern vor allem auf die Möglichkeiten, die ihnen finanzielle Unabhängigkeit bietet. Und eine weitere Gruppe von Menschen möchte hauptsächlich ihre professionellen Fähigkeiten und ihr Können unter Beweis stellen und bestmöglich einsetzen. 

Welchen Sinn Arbeit für Sie hat, liegt natürlich bei Ihnen. Entscheidend ist jedoch, dass Sie sich darüber klar werden und Ihre Prioritäten danach ausrichten. Nicht jede Priorität und nicht jeder Sinn der Arbeit werden bei Ihrem Umfeld auf Verständnis treffen. Von Begeisterung ganz zu schweigen. Doch das ist auch gar nicht nötig. Abgesehen von den Ihnen wirklich nahestehenden und wichtigen Menschen muss niemand Ihren individuellen Sinn der Arbeit verstehen oder kennen. 

Solange Sie selbst wissen, welche Rolle Arbeit für Sie und Ihre Identität spielt, reicht das völlig aus. Dieses Bewusstsein ist aus zwei Gründen wichtig: 

 

  • Klare Verhältnisse 

 

Wissen Sie, welche Bedeutung Arbeit in Ihrem Leben spielt, entstehen dadurch automatisch klare Verhältnisse. Sie können dann verhältnismässig einfach einschätzen, welcher Aufwand sich lohnt und wie viel Sie in die Arbeit und Ihren Job investieren wollen. Diese Erkenntnis kann beispielsweise auch die Entscheidung für oder gegen einen Jobwechsel erleichtern. Nimmt der aktuelle Job zu viel Zeit oder andere Ressourcen in Anspruch, ist ein Wechsel oder zumindest eine berufliche Veränderung angesagt. 

 

  • Aktive Gestaltung 

 

Können Sie einschätzen, wie viel Raum Arbeit in Ihrem Leben einnehmen darf und soll, können Sie dieses Verhältnis aktiv gestalten. Das mag banal klingen, ist jedoch ein wichtiger Schritt. Viel zu oft haben Arbeitnehmer das Gefühl, ihrem Job, dem Arbeitgeber und anderen Rahmenbedingungen hilflos ausgeliefert zu sein. Sätze wie: "Wenn ich könnte würde ich...." oder "Wenn ich die Wahl hätte..." sind sehr oft zu hören. Der Punkt ist: Sie haben fast immer die Wahl und können vieles gestalten. Vielleicht nicht immer optimal oder schnell, doch nach und nach können Sie Situationen verändern. Wenn Sie Ihre Prioritäten kennen. 

So setzen Sie die individuell richtigen Prioritäten 

Den individuellen Sinn der Arbeit und Ihre Prioritäten zu kennen ist jedoch nur der erste Schritt. Wenn daraus Veränderungen folgen sollen, sollten Sie damit beginnen, die Prioritäten aktiv in passende Handlungen umzusetzen. Eine buddhistische Weisheit bringt es auf den Punkt: 

Wissen ohne Tun ist nicht Wissen. 

Bevor Sie jedoch voll motiviert los gehen und Veränderungen einleiten, sollten Sie sich die Unterstützung der Ihnen nahestehenden Menschen sichern. Ihr Partner oder Ihre Partnerin sollte Ihre Prioritäten teilen oder doch zumindest mittragen. Wichtig: Stellen Sie sicher, dass sie sich nicht nur bei den Prioritäten, sondern auch im Hinblick auf die Konsequenzen der nötigen Veränderungen einig sind! 

Oft unterschätzen Menschen, wie sich die aktive Umsetzung von Prioritäten im Alltag auswirkt. Rangiert Arbeit für Sie beispielsweise auf Platz zwei hinter Ihrer Familie, kann das unter Umständen finanzielle Einbussen nach sich ziehen. Mehr Zeit mit Partner und Kindern kann zu weniger Überstunden und insgesamt weniger Engagement im Job führen. Dadurch kann sich - je nach Unternehmenskultur - Ihre Stellung im Unternehmen verändern. Und Ihre Aufstiegschancen könnten schwinden. 

Das muss alles nicht negativ sein. Wenn Sie mit Ihrer aktuellen Position zufrieden sind, Ihnen die Arbeit Spass macht, finanziell alles passt und auch Ihre soziale Rolle für Sie in Ordnung geht, ist die beschriebene Veränderung kein Problem. Sehnen Sie sich jedoch nach einer exponierteren und prominenteren Aufgabe und wollen Sie eine bestimmte Position erreichen, steht das mit dem Wunsch nach mehr Familienzeit potenziell im Konflikt. 

Diesen Konflikt können Sie nur auflösen, wenn Sie für sich die richtigen Prioritäten setzen. Die folgenden Fragen können Ihnen dabei helfen. Beziehen Sie dabei unbedingt Ihren Partner und die für Sie wichtigen Menschen ein. Die Prioritätensetzung sollte gemeinsam stattfinden. 

  • Können Sie den Sinn der Arbeit in Ihrem Leben klar benennen und vermitteln
  • Können Sie offen und selbstbewusst zu Ihrem Sinn und Wert der Arbeit stehen? 
  • Hätten Sie Alternativen, wenn Sie von heute auf morgen nicht mehr arbeiten könnten? 
  • Warum sind Ihnen bestimmte Aspekte besonders wichtig? 
  • Wie sehen Ihre drei wichtigsten Prioritäten aus? 
  • Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf einen einzigen Bereich richten müssten, welcher wäre es? 
  • Welche Ziele wollen Sie - beruflich und privat - noch erreichen? 
  • Welche Ziele sind für Sie gesetzt und nicht verhandelbar
  • Wissen Sie auch, welche Optionen Sie mit der Entscheidung für eine bestimmte Richtung ausschliessen? 
  • Entscheiden Sie sich bewusst gegen andere Optionen, wenn Sie Prioritäten setzen? 
  • Was sind Ihnen Ihre Arbeit und Ihre beruflichen Ziele wert? 
  • Wo finden Sie Anerkennung und Bestätigung ausserhalb der Arbeit? 

Nicht alle Antworten werden angenehm sein, manche können sogar Überzeugungen und Grundsätze infrage stellen. Doch gerade diese sensiblen Fragen sind enorm wirksam und bilden die Grundlage, auf der Sie Ihre Prioritäten aktiv setzen können. Kennen Sie Ihren individuellen Sinn der Arbeit und richten Sie Ihre Prioritäten danach aus werden Sie nicht nur zufriedener. Sie können Ihre Situation auch aktiv gestalten und können das vielleicht aufkommende Gefühl der Hilflosigkeit überwinden. Sie folgen dann nicht den Prioritäten anderer, sondern Ihren eigenen. Sie entscheiden und gestalten selbst.

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